17. April 2016 – Kundgebung am Wenzelnberg

Die diesjährige Gedenkfeier am Wenzelnberg wurde von der Stadt Leverkusen ausgerichtet.

 

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Oberbürgermeister der Stadt Leverkusen, Uwe Richrath. Begrüßung und Rede

 

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Wortbeitrag von Schülern der Käthe-Kollwitz-Schule Leverkusen „Projektkurs interrelligiöses Lernen“

 

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Rede von Silvia Rölle von der VVN-BdA NRW

 

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Und hier die vielen Teilnehmer, über 300 Menschen

 

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Kranzniederlegung

 

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Alle Fotos by VVN-BdA Solingen

 

Hier die Rede vom Oberbürgermeister der Stadt Leverkusen, Uwe Richrath:

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Schneider, (Langenfeld)

sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Mast-Weisz, (Remscheid)

sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Kurzbach, (Solingen)

sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Brücher, (Wuppertal)

sehr geehrter Herr Bürgermeister Steffes, (Leichlingen)

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

heute vor 71 Jahren war für Langenfeld der Krieg vorbei, denn einen Tag zuvor, am 16. April 1945, waren die Amerikaner einmarschiert. Damit kamen auch hier die Kampfhandlungen zum Erliegen.

In meiner Heimatstadt Leverkusen war es schon einen Tag vorher soweit, dort rückten die Amerikaner am 15. April ein, und der damalige Bürgermeister übergab mittags die Stadt in die Verantwortung eines US-Offiziers. Für unsere Eltern und Großeltern bedeutete das schon drei Wochen vor der deutschen Kapitulation am 8. Mai: Keine Bomben, kein Artilleriefeuer, keine unmittelbare Lebensgefahr mehr. Von einem Tag auf den anderen war die Macht der Nationalsozialisten gebrochen.

 

Für die Männer, derer wir heute gedenken, kam die Befreiung vier (!) Tage zu spät.

 

Am Morgen des 13. April 1945 wurden an dieser Stelle 71 Männer aus dem Remscheider Zuchthaus Lüttringhausen mit Genickschüssen exekutiert. Sie wurden mit Lastwagen hierher transportiert und haben – spätestens als sie die Grube von 30 Metern Länge, zwei Metern Breite und eineinhalb Metern Tiefe sahen – gewusst, was ihnen bevor steht.

 

 

Der Schutzpolizist Niekisch beschrieb das in seiner Vernehmung: „Von zwei uniformierten Beamten wurden dann zwei Häftlinge in eine vorbereitete Grube geführt. […] Die Häftlinge sollten in der Grube erschossen werden. Das ging aber nicht, da sie nur mit dem Kopf aus der Grube heraussahen.“ Diese ersten beiden Häftlinge wurden deshalb an den linken Rand der Grube geführt und dort getötet. Die anderen folgten nach, wurden jeweils zu zweit an die gleiche Stelle gezwungen, mussten sich hinknien und wurden mit Genickschuss umgebracht.

 

Wie es für die Häftlinge gewesen sein muss, zuzusehen und mitzuerleben was ihnen selbst noch bevorstand, können wir uns wahrscheinlich nur ansatzweise vorstellen.

 

Eine Stunde dauerte es, bis niemand mehr schrie. Das berichteten später die Anwohner.

 

Es waren ganz unterschiedliche Häftlinge, die hier zu Tode kamen, junge Männer, aber auch fast Siebzigjährige. Einige waren Kriminelle, andere waren politische Häftlinge.

 

Erschossen wurden sie aus einem einzigen Grund: Weil die Front näher rückte. Das Regime wollte vor allem die politischen Gefangenen nicht lebend in die Hände des Feindes gelangen lassen. Sie wurden getötet, damit sie nicht befreit werden konnten.

 

Wir gedenken dieser Männer an ihrem Todestag seit 1946. Ihre Namen werden gleich im Rahmen des Beitrags der Schülerinnen und Schülerdes Kurses für interreligiöses Lernen der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule Leverkusen verlesen.

Allein die Geschichte des Gedenkens hier am Wenzelnberg spiegelt das Verhältnis der Bundesrepublik zum Nationalsozialismus wider. Wurde es zu Beginn getragen von den im Nationalsozialismus verfolgen Deutschen, also den Gewerkschaftern, Sozialisten und Kommunisten, bildeten die Städte Langenfeld, Leverkusen, Remscheid, Solingen, der Rhein-Wupper-Kreis, der DBG und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) 1956 zum ersten Mal ein Kuratorium, das die Feiern ausrichten sollte.

 

Diese Zusammenarbeit war aber alles andere als konfliktfrei. So kam es nach dem Verbot der KPD 1962 sogar zu einem Verbot des Gedenkens am Wenzelnberg mit der Begründung, die einladende VVN sei eine „Teil- oder Ersatzorganisation“ dieser Partei.

1965 wiederum prangerte der Priester und politische Lüttringhausen-Zuchthausinsasse Joseph Roussaint an: „Was hier angesichts der Ermordeten mehr erschüttert […] ist […] dass der neue Staat, die Bundesrepublik Deutschland, die ungeheuerlichen Verbrechen kaum zur Notiz nahm […], keine Strafverfolgungsgesetze für Naziverbrechen verabschiedete“. Auch in den Folgejahren kam es zwischen Politikern und der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ zu Kontroversen, die darin gipfelten, dass 1971 die Kuratoriumsvertreter der Städte Leverkusen, Opladen, Remscheid und Solingen die Weiterführung der Feier in der bisherigen Form ablehnten.

 

Die Städte legten danach Kränze in stillem Gedenken nieder und der VVN lud zu einer eigenen Gedenkfeier an. Erst 1981/82 wurde zum ersten Mal wieder über eine gemeinsame Gedenkfeier nachgedacht.

 

Es blieb in den achtziger Jahren zwar bei getrennten Veranstaltungen, aber der VVN, inzwischen als „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ eingetragen, nahm mit einem Informationsstand teil. 1990 gab zum ersten mal wieder eine gemeinsame Feier. Deshalb freue ich mich, heute auch Silvia Rölle als Rednerin der VVN/ BdA zu begrüßen.

 

Ein Ausgangspunkt des Streits war die Feststellung, dass auch in der Bundesrepublik der sechziger Jahre viele Verbrechen des Nationalsozialismus nicht gesühnt waren.

Und in der Tat scheint auch für diese Morde am Wenzelnberg kaum jemand zur Rechenschaft gezogen worden zu sein. Die Täter hatten entweder nichts gesehen oder bezichtigten inzwischen Verstorbene oder Vermisste der Haupttäterschaft. Das brachte eine 2015 veröffentlichte und von der ‚Landeszentrale für politische Bildung‘ geförderte Untersuchung zutage.

 

Die Autoren Lieselotte Bhatia und Stephan Stracke haben darin umfangreiches Quellenmaterial gesichtet und illustrieren sehr detailliert, wie die Verantwortung abgewälzt wurde.

Insofern steht das Geschehen hier am Wenzelnberg auch stellvertretend für die Verleugnung der Schuld in der Nachkriegszeit. Aber den Opfern des Nationalsozialismus keine Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, bedeutet neue Schuld auf sich zu laden.

 

Das hat am Holocaust-Gedenktag im Januar 2016 auch Dr. Karola Fings vom Kölner NS-Dokumentationszentrum herausgestellt.

 

Ihr inzwischen verstorbener Schwiegervater Friedrich Benjamin hatte als jüdischstämmiger Deutscher die NS-Zeit überlebt, um dann nach Kriegsende festzustellen, dass diejenigen, die ihn verhöhnt, gedemütigt und drangsaliert hatten, alle noch in Amt und Würden waren und weder Schuldbewusstsein noch Reue zeigten. Mich hat diese Schilderung sehr beeindruckt, denn dass solche Missachtung die Demütigung fortsetzte, ist sehr leicht nachvollziehbar.

 

Empathie gegenüber den Opfern des Faschismus scheint aber auch heute noch vielen Deutschen schwer zu fallen: 81 Prozent der Deutschen, hat die Bertelsmann-Stiftung 2015 in einer Studie erhoben, möchten die Geschichte der Judenverfolgung „hinter sich lassen“. 58 Prozent möchten definitiv einen „Schlussstrich“ ziehen.

 

Einen Schlussstrich ziehen dürften aber, wenn überhaupt, nur die Opfer der deutschen Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945. Außerdem gehören totalitäre Weltanschauungen und ihre Apologeten bei weitem nicht der Vergangenheit an.

 

In der heutigen Gesellschaft kann man diese Kräfte daran erkennen, dass sie unsere pluralistische Gesellschaft ablehnen und ihre demokratischen Institutionen verabscheuen. Darin sind Rechtsradikale übrigens den Islamisten ähnlicher als sie es sich wahrscheinlich wünschen.

 

Ich begrüße es daher sehr, dass wir uns auch heute noch – 71 Jahre nach Beendigung des zweiten Weltkrieges und 83 Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten – daran erinnern, was passieren kann, wenn Kräfte an die Macht kommen, die die universellen Menschenrechte nur als Freiheitsrechte für sich und Gleichgesinnte interpretieren; die alle Menschen mit abweichenden Lebensmodellen, Glaubensrichtungen und politischen Weltanschauungen ausgrenzen oder sogar vernichten wollen.

 

Es ist Gnade und Chance zugleich, dass wir einem solchen Terror nicht ausgesetzt sind. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Auch dazu soll dieses Gedenken dienen, denn die 71 Männer, die hier begraben sind, hatten vor 71 Jahren weder die Chance mit dem Leben davon zu kommen, noch wurde ihnen Gnade erwiesen.

 

Ich bitte jetzt die Schülerinnen und Schüler des Projektkurses interreligiöses Lernen der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule nach vorne. Sie wollen uns ihre Gedanken mitteilen.

Dank für die Teilnahme an der Gedenkstunde.

  • Dank an die Beteiligten für die Ausrichtung der Gedenkstunde.
  • Dank an die das Sinfonische Blasorchester der Musikschule Leverkusen für die musikalische Gestaltung.
  • Das Orchester hat für diese Gedenkstunde das „Lied der Moorsoldaten“ einstudiert. Es wurde 1933 von Häftlingen des Konzentrationslagers Börgermoor geschrieben und steht traditionell am Ende der Gedenkstunde. Der Text dazu wurde verteilt. Sie sind herzlich dazu eingeladen, mitzusingen.